Carina Sacher

Carina Sacher beschäftigt sich mit prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen in den Bereichen Architektur, Stadt- und Sozialforschung.


Wer anderer als der Hotelmensch per se Joseph Roth, selbst Vielreisender und Langzeitbewohner im Hôtel Foyot und zuletzt im Hôtel de la Poste 
im Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés, hätte ein scharfsinnigerer Erzähler des großstädtischen Hotellebens der Zwischenkriegszeit sein können? Als kosmopolitische Drehscheiben der Kunst, Wissenschaft, Industrie, des Finanzwesens und Handels bildeten die prachtvollen Stadthotels des späten 19. und ausgehenden 20. Jahrhunderts die gesellschaftliche Bühne für den Karriereaufstieg und einen Kontrapunkt zur bürgerlichen Existenz. Viele wohlhabende und schillernde Persönlichkeiten dieser Zeit begründeten im Hotel ihren Dauerwohnsitz oder zumindest den Pied-à-terre an prestigeträchtiger Adresse in der Stadt. Künstler wie Salvador Dalí oder auch Andy Warhol machten das Hotel zum Schauplatz ihrer Aktionen 
und Experimente. Wohnen im Hotel mit Rundum-
Service als luxuriöser Lebensstil kann, damals wie heute, nur als Randerscheinung bezeichnet werden.

Provisorische Wohnorte

Für jedes Portemonnaie war ein Zimmer mit Bett, Tisch, Sessel und einem Waschbecken für die minimale Hygiene über die ganze Stadt verteilt, oft an lebendigen Verkehrsknotenpunkten und in der Nähe von Fabriken, auf den Tag, die Woche, das Monat oder auch das Jahr zu mieten. Der junge, verarmte Tellerwäscher Eric Arthur Blair hielt den faszinierenden Einblick in das Leben eines dieser unzähligen Pariser Hôtels meublés in dem später unter dem Pseudonym George Orwell veröffentlichten Bericht Down and Out in Paris and London fest: »The lodgers were a floating population, largely foreigners, who used to turn up without luggage, stay a week and then disappear again. They were of every trade – cobblers, bricklayers, stonemasons, navvies, students, prostitutes, rag-pickers. Some of them were fantastically poor.« (Orwell 1933, S. 4)
        Es war nicht die Reiselust, sondern die Notwendigkeit von Provisorien in den rasch anwachsenden Industriestädten für die nach Arbeit und einer besseren Existenz suchenden Menschen, die Nährboden für die Entstehung einer Bandbreite von privaten Hotel- und Unterkunftsstrukturen waren. Die Hôtels meublés oder Garnis in den französischen Städten (siehe Faure & Lévy-Vroelant 2007) und die Single Room Occupancy Hotels, kurz SRO, in den USA und Kanada (siehe Groth 1994) gehörten zu ein und demselben Phänomen von Ankunftsorten par excellence. Im Gegensatz zu den Hotel-Wahrzeichen der Luxusklasse betteten sich diese Hotels unauffällig ins Stadtgefüge ein, deren lebhafte Umgebung mit Bistros, Bars, Barbieren oder Waschsalons zusätzliche Bedürfnisse der BewohnerInnen zu stillen wusste. Als transitorische Wohnräume trugen sie wesentlich zur sozialen und wirtschaftlichen Integration der unteren und mittleren Arbeiterklasse in die großstädtische Gesellschaft bei. Gleichsam waren sie Abbild kosmopolitischer Vielfalt, arbeitsbedingter Mobilität und auch der Emanzipation von Frauen und jungen Männern. In Paris lebten um 1930 etwa 300.000 Menschen, also 12 Prozent der Bevölkerung in den 20.000 Hotels und hotelähnlichen Etablissements (vgl. Jankel, Lévy-Vroelant 2007, S. 10). In vergleichbarer Weise machten New Yorks 200.000 SRO-Hotelzimmer 10 Prozent des gesamten Wohnungsangebots um 1950 aus (vgl. Burke & Sullivan 2013, S. 120). Den Regierungen und Behörden waren sie, als Orte der Arbeiterklasse und Armut, seit jeher ein Dorn im Auge. Im Zuge rapider Verstädterung waren die Hotels, neu errichtete Häuser mit effizientem und flexiblem Grundriss oder umgebaute Wohngebäude, integraler Bestandteil der Immobilien- und Bodenspekulation.
        Anfang des 20. Jahrhunderts stand Wohnen im Hotel – sowohl der Wohlhabenden als auch der Arbeiterklasse, TagelöhnerInnen und LandstreicherInnen – in den USA zunehmend in Kontrast, und damit in Kritik, mit der sich etablierenden Gesellschaftsform, die sich im homogen um die Städte ausbreitenden Einfamilienhausteppich materialisierte (vgl. Groth, S. 196f). Gleichsam häuften sich Studien über diese Wohnprovisorien, allem voran der Chicagoer Schule der Soziologie. [1]
        Das weitere Schicksal der Hotelstrukturen und ihrer Gäste auf den beiden Kontinenten ähnelt einander sehr und kann als Geschichte der jeweiligen Stadt- und Wohnpolitik gelesen werden. Die Wohnungsnot nach Kriegsende bremste die für die Hotels lebenswichtige laufende Erneuerung der BewohnerInnenschaft. Sie wurden zusehends zum letzten Ausweg vor Obdachlosigkeit, zum einzigen Ort der Aufnahme in rauen diskriminierenden Zeiten. Mit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg waren in den französischen Hotels vermehrt Algerier anzutreffen, die in ihnen alt geworden sind. In vielen Staaten der USA füllten sich infolge der Deinstitutionalisierung öffentlicher psychiatrischer Kliniken die SROs mit einer neuen Klientel (vgl. Groth, S. 272f). Stigma und Missachtung hafteten auf diesen Gastgebern bedingungsloser Aufnahme und ihren BewohnerInnen. Viele der Hotels fanden in den Stadtsanierungsprogrammen der 1960er- und 1970er-Jahre, meist in kurzen intensiven Perioden, ihr Ende. Der Massenwohnungsbau verkleinerte die Nachfrage und der Umbau zu Wohnungen oder die Aufwertung zu Touristenhotels erwies sich inzwischen als weitaus gewinnbringender. In New York schrumpfte die Zahl der SRO-Hotelzimmer zwischen 1975 und 1981 um 60 Prozent (vgl. Wright & Rubin, S. 943). In ähnlichem Ausmaß verlor Paris innerhalb von sieben Jahren zwei Drittel der 1968 registrierten Hôtels meublés (vgl. Faure & Lévy-Vroelant, S. 266). Das hinterlassene Vakuum an preiswerten und bedingungslosen Wohnräumen äußerte sich bei der nächsten Wohnungsknappheit durch sichtbare Obdachlosigkeit. In den USA war dies Anfang der 1980er-Jahre der Fall, als eine hohe Arbeitslosigkeit vorherrschte (vgl. Hoch & Slayton 1989, S. 173ff). Ein Jahrzehnt später warnten Organisationen in Frankreich vor den Folgen des Verschwindens der Hôtels meublés.

Der Kapitalismus scheint aus dem letzten Loch zu pfeifen [2]

Attraktive Städte und Global Cities verkörpern heute die Epizentren der »globalen und totalen Produktion des sozialen Raums« (Lefebvre 1970, S. 165). Immobilien und allem voran Wohnungen stellen mittlerweile die gefragtesten Depots für weltweite, grenzenlose Wertanlagen in einem zügellosen Wettlauf der Kapitalakkumulation dar. [3]
        In den verschlossenen Einfamilienhäusern im US-amerikanischen For-sale-Schilderwald spukt die Leere. Ihre kurzzeitigen BesitzerInnen verließen ihren Traum oft in Windeseile. Er platzte, wie eben auch die Immobilien- und Hypotheken-Blase des perversen, global ausgetragenen Mensch-ärgere-dich-
nicht-Finanzspiels, dessen Verwüstung weltweit zu spüren war (und noch ist). Als Ghost Estates, unfertige Wohnsiedlungen, stehen die Produkte des auf der irischen Insel wütenden Celtic Tiger wie Mahnmale dieser Gefräßigkeit, zuletzt durch ausländisches Direktinvestment, in der Landschaft. Die Ursachen sind bekannt, die Folgen wurden rasch unter den Teppich gekehrt. Die Unfähigkeit zur Kreditrückzahlung, die Erhöhung der Mieten, die Kündigung von Mietverträgen und zuletzt Zwangsräumungen werfen Menschen, die bereits unter den Folgen der Lohnstagnation und einer zunehmenden Arbeitsprekarisierung leiden, aus den vertrauten Bahnen. Die Deregulierung des Wohnungsmarktes, eine diszipliniert durchgeführte Diät der öffentlichen Hand, ermöglicht durch den Rückzug aus der Objektförderung, der Verkauf kommunaler Wohnbauten und die Schaffung von Anreizen für private BauträgerInnen und Investmentfirmen transformierten die staatliche Verwaltung vieler Länder zu einem bloßen Rettungsdienst. In einer Zeit, in der ungerechte Wohnraumverteilung das Bild prägt und die globale Finanzkrise lokal tiefe Wohnungskrisen hinterließ, offenbart sich latente Wohnungslosigkeit, die Notwendigkeit zu erhöhter Wohnmobilität sowie Obdachlosigkeit scheinbar in stiller Akzeptanz. Die Not trifft auch die Mittelklasse und in drastischem Ausmaß Familien mit Kindern. Mietzuschüsse (Subjektförderung) für jene, die noch am Markt verharren, und die Unterbringung in Notunterkünften jener, die bereits ihr Zuhause verloren haben, gehören zu den Erste-Hilfe-Maßnahmen. Es ist die »Züchtung einer Kultur der Abhängigkeit« (2008, S. 16), um das Phänomen mit den Worten von Heinz Bude zu beschreiben. Die auf eine Odyssee geratenen Menschen verschwinden weitgehend aus dem Blickfeld – im Gegensatz zur Obdachlosigkeit auf der Straße – in der Unsichtbarkeit. Statistiken führen sie meist nicht als obdachlos an. Auf individueller Ebene verstecken Scham und Würde die Wohnungslosigkeit, Einsamkeit kehrt ein.

Dublin 2019, Foto — Philip Arneill
Dublin 2019, Foto — Philip Arneill

Wohnen auf Abruf

Es sind längst nicht mehr nur die geschichtsträchtigen Ankunftsstrukturen, wie die SRO-Hotels und Hôtels meublés, sondern heruntergewirtschaftete Touristenhotels mitten in der Stadt, obsolet gewordene Hotelkomplexe an den Peripherien, Motels entlang der ehemaligen Mobilitätsadern Amerikas, und auch vermehrt nicht zur Gänze ausgelastete klassifizierte Hotels, die von Toronto bis nach Dublin zunehmend von Dauergästen bezogen werden. Zu ihnen zählen Erwerbsarme, mittellose PensionistInnen, Obdachlose, Flüchtlinge, asylsuchende und zunehmend jüngst wohnungslos gewordene Familien. Der Aufenthalt, ob eigenverantwortlich oder öffentlich unterstützt, erstreckt sich meist über mehrere Jahre und bedeutet das Erstarren in Ungewissheit. Denn der gesättigte Wohnungsmarkt, lange Wartelisten für Sozialwohnungen oder auch ungenügend alternative Unterkünfte für Familien und Elternteile mit Kindern machen die Notlösung Wohnen im Hotel zum Dasein im chronischen Transit.
        Die von den Staaten teuer bezahlte soziale Hotellerie boomt. Hotels werden zu welfare hotels, homeless hotels, Hôtels sociaux oder Hôtels d’urgence. Ihre Rolle ist nicht mehr klar auszumachen: Ihre unterschiedlichen Kategorien von Gästen vermischen sich, ihr Geschäft verschränkt sich mit der Not und öffentlichen Verantwortung. Frankreich zahlte 2018 für diesen privaten, temporären Notunterkunftssektor mehr als 225 Millionen Euro (vgl. Samusocial de Paris 2018, S. 60), Irland knapp 50 Millionen Euro (vgl. Fitzgerald 2019). Es ist ein Kampf gegen das Symptom dieser drastischen Wohnungsknappheit im wirklich preiswerten Segment, der einseitig behandelt – sprich ohne Setzung nachhaltiger Maßnahmen – nur verloren werden kann.
        Die über Jahrzehnte von der französischen Politik verachteten Hôtels meublés weckten im Laufe der 1990er-Jahre – angesichts des Mangels an leistbarem Wohnraum – das öffentliche Interesse. Das bestehende, jederzeit verfügbare Angebot stellte eine leicht aufzuschließende Struktur der Notunterkunft dar. Heruntergekommene Hotels gaben Anlass zum Kauf seitens der Stadt und dem Umbau zu Sozialwohnungen. Seitdem expandiert der Hotelsektor der Hôtellerie sociale nicht nur quantitativ, sondern auch geografisch. Der 16-fache Anstieg des Bedarfs in der Metropolregion Île-de-France von 2005 bis heute, wo jede Nacht über 40.000 Menschen (davon 21.000 Kinder) im Hotel schlafen, ist unter anderem auf höhere Migrationsbewegungen, vermehrte Asylanträge und die zunehmende Prekarisierung zurückzuführen. Die als Notunterkunft ausgelasteten Hôtels meublés in Paris machten die Ausbreitung auf die Kommunen der Agglomeration und die Erweiterung des Angebots auf ehemalige sowie weiterhin aktive Touristenhotels mit einer gemischten Klientel notwendig. Während die vom Staat beauftragten Organisationen vor einem Jahrzehnt noch neue Plätze in Hotelzimmern sicherstellen konnten, ist die Kapazität heute beinahe ausgeschöpft. [4] Auf einer unsichtbaren Ebene schafft der Rückgriff der öffentlichen Hand auf die Hôtels meublés eine Konkurrenz unter den Ärmsten; jenen, die das Hotel als Wohn- oder Übergangsort eigenständig wählen und jenen, denen das Hotel als temporäre Wohnlösung zugewiesen wird. Welche wirtschaftlichen Interessen hinter diesen Hotelunternehmen stehen und inwiefern dieses Geschäft lukrativ ist, untersucht Erwan Le Méner in seinem Beitrag Prekäre Familien als lukrative Kundschaft anhand eines ehemaligen Touristenhotels im Pariser Vorort Romainville.
        Neben Paris reiht sich seit kurzem Dublin in die höheren Listenplätze der teuersten europäischen Städte ein. Die durch den desaströsen Einschlag der Finanzkrise auf ein bereits weitgehend dereguliertes Land verursachten Wellen ebben nicht ab. 102 Familien wurden im September 2019 allein in Dublin obdachlos. Das Monat verzeichnet gleichzeitig den Höchststand mit 10.397 IrInnen, die auf Notunterkünfte angewiesen sind, seit den vergleichbaren Aufzeichnungen im Jahr 2014. Innerhalb von fünf Jahren stieg die Obdachlosigkeit um 354 Prozent (vgl. Focus Ireland 2019). Zwei Drittel der in Dublin registrierten 1.288 Familien sind in Hotels und Bed&Breakfast-Unterkünften einquartiert (vgl. Dublin City Council, S. 85). Im Gegensatz zu Frankreich verfügt Irland über kein historisches Billig-Hotelsegment. Deswegen ist der Einsatz von Touristenhotels für die Unterbringung von Obdachlosen so jung wie die drastisch anwachsenden Zahlen. Nicht allein die Durchschnittsmiete für eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern im beliebten europäischen Steuersitz Dublin ist mit 1.700 € im Monat für kleine und mittlere Haushaltseinkommen nicht mehr tragbar. Darüber hinaus befand sich das verfügbare Mietangebot im Mai dieses Jahres auf dem Tiefststand seit den ersten Aufzeichnungen im Jahr 2006 (vgl. Lyons 2019). Ein weiterer nicht unwesentlicher Faktor auf dem lokalen Wohnungsmarkt ist Dublins Höhenflug des Tourismus. 2.856 Wohnungen werden auf der Sharing-Economy-Plattform Airbnb im professionellen Segment, sprich für mehr als 90 Tage im Jahr, angeboten (vgl. Neylon 2019). Zum Vergleich: 7.121 Menschen sind in der Hauptstadt wohnungslos (vgl. DRHE 2019, S. 13). Hier wird die soziale Umstülpung in den Räumen unserer Städte erkennbar: Städtetrip-TouristInnen und globale ArbeiterInnen landen punktuell in den vom Wohnungsmarkt enthobenen Wohnungen, Familien ziehen stattdessen ins Hotelzimmer in der eigenen Stadt. Im Artikel The Hotelisation of Dublin’s Housing Crisis enthüllen Mel Nowicki, Ella Harris und Kathrine Brickell den mit der Wohnungskrise sichtbar werdenden widersprüchlichen Charakter des Hotels. Auf bezeichnende Art und Weise stehen die Auswirkungen auf den Gast des Hotels einerseits als Urlaubsort und andererseits als Notunterkunft diametral gegenüber. Nirgendwo sonst in den USA als in der Bay Area ist Wohnen derart teuer und das Verbleiben für viele unmöglich geworden; nicht zuletzt durch die Flut gutverdienender ArbeitnehmerInnen aus dem Silicon Valley am Wohnungsmarkt. Die inzwischen mitten in den Städten fußfassenden Tech-Konzerne nehmen immer mehr Einfluss auf die räumliche und soziale Gestaltung der Region. Co-Living, all-inclusive Wohnkonzepte, heißen Menschen in Einbettzimmern dieser SRO-ähnlichen Strukturen, und fallweise sogar in deren alten Mauern, zu monatlichen Mietpreisen von 1.400 bis 2.400 $[5] willkommen (vgl. Bowles 2019). Bei durchschnittlichen Mieten für Einzimmerwohnungen in San Francisco von 3.300 $ ist es kein Wunder, dass diese Angebote bei der digital vernetzten, mobilen und allzeit kommunikativen Sharing-Generation fruchten. Was diese soziale Umwälzung und das neuerliche InvestorInneninteresse für die vorhandenen SRO-Hotels in San Francisco und Oakland bedeuten, betrachten Erin McElroy und Carla Leshne für diesen Schwerpunkt. Damit ergänzen sie die konfliktreiche Geschichte der SROs um ein wesentliches Kapitel.
        Während viele US-amerikanische Städte für einkommensschwache Haushalte unwirtlich werden, wandeln sich unaufhörlich an anderer Stelle, abgesondert vom urbanen Leben, Transiträume zu De-facto-Wohnräumen. Ehemals pulsierende amerikanische Mobilitätsadern unter leuchtendem Schilderhimmel gehören ebenso der Vergangenheit an wie die Motels, die sie säumen. Mit dem Aufkommen der interstate highways und einem anspruchsvolleren Angebot an Unterkünften verloren sie in den letzten Jahrzehnten ihre Bedeutung. Auf informelle Art und Weise setzte ein schleichender Wandel ihrer Klientel ein, für die sie eine wesentliche Rolle in der Wüste an zugänglichem und leistbarem Wohnraum einnehmen. Before the smell becomes me, Titel des Beitrags von Abby Westberry, bringt die Angst der chronischen Isolierung von Motelbewoh­nerInnen auf den Punkt. Ihre Feldforschung erzählt von den täglichen Hindernissen sowie von angewandten Überlebenskonzepten und der Suche nach Zugehörigkeit. Fotografien aus The Hidden Homeless von Elizabeth Fladung vervollständigen das Bild dieser wenig erforschten Wohnorte.
        Die hier angerissenen Geschichten können wie Schablonen eines Kapitalsystems verstanden werden, bei dem die Bewegung der Globalen und Vermögenden eine Bewegung der Lokalen und Ausgeschlossenen bedingt (siehe Virilio 2009). Während die einen überall sesshaft sein können, sind die anderen in transitorischen Räumen nie zuhause. George Orwells vor fast hundert Jahren beschriebene »floating population« hat seine Aktualität leider nicht verloren. Familien und in großer Zahl Kinder leben in Ungewissheit im Transit, auf engstem Raum. Konfrontiert mit häufigen Ortswechseln und Stigmatisierung fällt die Sozialisierung und der Schritt zurück in eine Normalität schwer.
        Und doch könnte alles anders sein! Die Wohnungsnot könnte sofort gelindert werden, würden die genügend vorhandenen Wohnungen rationell benutzt werden, so resümierte schon Friedrich Engels (1872, S. 45). Genau hier, am ungesunden Zustand dieses Systems, bei dem das Wohnen als Ware mit Tauschwert verstanden wird und dessen Produkt Leerstand in den meisten Fällen unangefochten bleibt, setzt die täglich praktizierte Kritik von Hausbesetzungen an. 12.000 Menschen wohnen in Rom in 90 besetzten Gebäuden. Der strukturelle Mangel an öffentlichem und zugänglichem Wohnraum lässt 200.000 Menschen in akuter Wohnungsnot. Dem stehen 34.750 leerstehende Wohneinheiten (vgl. ANSA 2018) oder, werden die Zweitwohnsitze und ungenutzten Büros dazugezählt, geschätzt 150.000 Wohnmöglichkeiten (vgl. FEANTSA & Fondation Abbé Pierre 2016, S. 15) gegenüber. Die Not macht Hausbesetzungen zur einzigen Alternative, zur informellen temporären Notlösung, auf die unterdessen sogar Sozialdienste und Hilfsorganisationen verweisen. Anhand des im östlichen Vorort liegenden 4-Stelle-Hotels, einer der größten Hausbesetzungen Roms von Blocchi Precari Metropolitani (Großstädtische Prekäre Blocks), sprechen die Aktivistin Irene di Noto, der Fotograf Andrea Muscella und einer der ersten Bewohner Leroy S.P.Q.R’DAM über die Transformation des ehemaligen Eurostar-Hotels zu einem Wohnhaus, die soziale Rolle der Recht-auf-Wohnen-Bewegungen in der Schaffung von würdevollem Wohnraum sowie deren politischen Einfluss.

Echo einer Krise

Das Anschwellen von Transiträumen und auch die mit ihnen Hand in Hand gehenden, erneut erscheinenden sekundären Funktionen wie Wärmestuben können als Echo einer Krise aktueller Politik wahrgenommen werden. Öffentliche Gelder wandern in den privaten Sektor. Verantwortung wird übertragen; im Falle von Armut, hin zu privaten, karitativen und solidarischen Trägern oder auf die betroffene Person selbst. Die internationalen Beiträge dieses dérive-Schwerpunkts veranschaulichen eindrücklich die Parallelen der global wirksamen Prozesse, bei denen sich eine uniforme Bewegung der vom Wohnungsmarkt Ausgeschlossenen hin zu provisorischen Wohnräumen, allem voran Architekturen des Transits, abzeichnet. Ein bedeutender Anteil der Betroffenen sind Kinder. Dass Hotels Stoßdämpfer in Zeiten von Krisen verkörpern, ist an sich kein Übel. Im Gegenteil, als Komponente einer Stadt übernehmen sie, wie es lange bei Hôtels meublés und SROs der Fall war, eine zentrale Rolle der bedingungslosen Aufnahme in Übergangssituationen. Wesentlich ist allerdings dabei der Grad an Selbstbestimmung, die Dauer des Übergangs und die Aussicht auf einen stabilen Wohnort danach.
        »Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches«, konstatierte Engels 1872. Sie wird immer wiederkehren, denn sie ist kein Zufall, sondern notwendige Institution des herrschenden Systems (vgl. Engels 1872, S. 20). 150 Jahre nach dieser eisernen Einsicht ist Wohnen erneut zu eng mit fremdbestimmten wirtschaftlichen Prozessen verwoben, während kommunaler Wohnbau vielerorts verkauft wurde und die Wohnpolitik weitgehend stillliegt. Nach einer Phase des Wohlfahrtsstaates stellt sich die Frage doch erneut: Was ist aus der Idee geworden, Wohnraum und Einkommen voneinander zu entkoppeln, allen einen qualitätsvollen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, und Wohnen als Menschenrecht zu verteidigen?


  1. Siehe dazu Nels Anderson (The Hobo 1923, Lodging Houses 1937), Norman S. Hayner (The Hotel 1923, Hotel Life 1936); Harvey Warren Zorbaugh (The Dweller in Furnished Rooms 1925, Gold Coast and Slum 1929). ↩︎

  2. Lefebvre 1970, S. 165. ↩︎

  3. 217 Billionen Dollar und damit zwei Drittel des weltweiten Vermögens sind in Immobilien angelegt, ein dreifacher Anstieg seit der Finanz- und Wohnungskrise 2007. Drei Viertel davon stecken in Immobilien mit Wohnfunktion (vgl. Barnes 2016, S. 4f). ↩︎

  4. Gespräch mit Erwan Le Méner, 12.6.2019. ↩︎

  5. Die monatliche Miete eines Zimmers in der Größe von 12 bis 20 m2 bezieht sich auf das Angebot eines der einflussreichsten Startups namens Starcity. ↩︎


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Literaturliste

ANSA (2018): Roma: Acer, 57mila famiglie senza casa. Verfügbar unter: http://www.ansa.it/sito/notizie/topnews/2018/11/19/roma-acer-57mila-famiglie-senza-casa_95197179-77df-4056-bccf-a6d7acf2016e.html [Stand 27.10.2019].
Barnes, Yolande (Hrsg.) (2016): Around the world in dollars and cents: What price the world? Trends in international real estate trading. Savills World Research. Verfügbar unter: https://www.savills.co.uk/research_articles/229130/198669-0 [Stand 27.9.2019].
Bowles, Nellie (2019): Dorm living for professionals comes to San Francisco. The New York Times online, 4.3.2018. Verfügbar unter: https://www.nytimes.com/2018/03/04/technology/dorm-living-grown-ups-san-francisco.html [Stand 22.9.2019].
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