Foto — Sandy Kaltenborn
Basisarbeit an der Demokratie
Interview mit Ulrike Hamann und Sandy KaltenbornDie Mietergemeinschaft Kotti & Co in Berlin kämpft seit 2011 für bezahlbare Mieten im sozialen Wohnungsbau und die Re-Kommunalisierung der Sozialbauten am Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg. Mit ihrem Gecekondu Protesthäuschen und dem Slogan I love Kotti ist sie zum Symbol für geeinten Widerstand und vielstimmigen Protest quer durch soziale und kulturelle Milieus geworden. dérive hat mit den MitbegründerInnen Ulrike Hamann und Sandy Kaltenborn über die Erfahrungen der Initiative, das Entstehen von Nachbarschaft und die Selbstermächtigung durch Protest gesprochen.
dérive: Ihr kämpft seit vielen Jahren als Teil der Initiative Kotti & Co gegen Mietsteigerung und Verdrängung am Kottbusser Tor. Was ist der Kotti eigentlich für ein Ort?
Sandy Kaltenborn: Während die meisten Leute bei Kreuzberg eher an die Gründerzeitbauten denken, ist das Kottbusser Tor durch Sozialbauten mit bis zu 12 Stockwerken aus den 1970ern definiert – also einer Gebäudehöhe, die weit über die klassischen vier Gründerzeit-Etagen hinausgeht. Insgesamt gibt es hier um die 1.000 Wohnungen, die alle sozialer Wohnungsbau sind.
Der Kotti ist einer der bekanntesten Orte in Berlin und über Berlin hinaus – mit einem eher schlechten Ruf. An diesem Ort, der räumlich durch eine große Kreuzung geprägt ist, laufen unterschiedliche Stränge zusammen: zum einen die Geschichte der Migration, sei es Arbeitsmigration oder Flucht – hier wohnen viele türkische und arabische Leute – und gleichzeitig ist es ein Ort, der als Tor zur Oranienstraße gelesen werden kann, einem der ehemaligen Zentren für Sub- und Gegenkultur. Eine starke Kunst- und Off-Kultur-Szene, die ihre Wurzeln in den 1970er/80er-Jahren hat, hat diesen Ort gleichermaßen geprägt. Einstürzende Neubauten oder »Schade, dass Beton nicht brennt« haben hier ihren Ursprung. Die Geschichte der HausbesetzerInnenbewegung ist ebenso präsent. Ein, zwei Straßen weiter stehen ehemals besetzte Häuser. Das Kottbusser Tor ist also ein Ort der Diversität, hier leben Leute aus verschiedenen Nationen, hauptsächlich arme Leute, aber auch zunehmend Menschen aus der Mittelschicht und reichere Leute. All das macht den Ort interessant.
Ulrike Hamann: Das Kottbusser Tor war einer der Ausgangspunkte für die geplante Umstrukturierung von Kreuzberg. Der Ort wird heute von sozialem Wohnbau umfasst, großen Blöcken, die in den 1970ern im Rahmen der sogenannten Kahlschlagsanierung gebaut wurden. Damals sollte der gesamte Altbaubestand abgerissen und durch Neubau ersetzt werden. Kreuzberg lag direkt am Rande West-Berlins knapp vor der Berliner Mauer, eine Gegend, die dem Abriss preisgegeben worden war. Es kam dann bekanntermaßen nicht dazu, weil sich viele gegen den Abriss der Gründerzeithäuser gewehrt hatten. Die behutsame Stadterneuerung hat hier ihren Ursprung. An diesem Punkt in den 1960/70ern beginnt auch die Migrationsgeschichte des Stadtteils, weil die Häuser leer standen und die VermieterInnen dachten, sie könnten migrantische Mieter als ZwischennutzerInnen zu überteuerten Mieten hereinholen, mit dem Kalkül, dass ihnen die MieterInnenrechte unbekannt seien und sie sich nicht wehren würden. Trotz und sogar aufgrund dieser Vermietungspraxis wurde der Stadtteil zu einem Ankunftsort, der entgegen der Erwartung, dass die ArbeitsmigrantInnen wieder gehen würden, stark von der Migration und ihren vielen Geschichten geprägt worden ist. Er war aber auch Schauplatz unzähliger Kämpfe eben dieser ersten Generation der so genannten Gastarbeiter-Verträge. Denn Berlin hatte ab 1975 versucht, mit einer Zuzugssperre zu verhindern, dass Menschen aus der Türkei zu ihren Angehörigen in Kreuzberg, Wedding und Tiergarten nachzogen. Viele unserer NachbarInnen können noch immer ihren Pass zeigen, in dem ein Stempel Zuzugssperre zeigt, dass sie davon betroffen waren. Der Versuch des Ausschlusses scheiterte grandios, denn am Ende der Sperre, 1990, hatten am Kottbusser Tor 56 % der AnwohnerInnen einen Migrationshintergrund, während es zu Beginn im Jahr 1975 nur 12 % waren. Das heißt, dass viele erfolgreiche Möglichkeiten gefunden wurden, diese Aussperrung zu unterlaufen. Aber diese Geschichte hat sich auch bei vielen als einschneidende Erfahrung von strukturellem Rassismus eingeprägt.
SK: Das Kottbusser Tor ist zusätzlich ein Verkehrsknotenpunkt, an dem sich zwei U-Bahn-Linien kreuzen, diverse Busse halten und die Entfernung per U-Bahn zum Alexanderplatz acht Minuten beträgt. Wir haben große Gruppen an TouristInnen, die den Ort als Ausgangspunkt oder Zwischenstopp für ihre Führungen nutzen. Außerdem ist der Kotti ein beliebter Treffpunkt für Leute, die sich, bevor sie in den Club gehen, hier treffen und mit billigem Alkohol aus dem Supermarkt vorglühen. Wir haben also die BewohnerInnenschaft, dazu Gewerbetreibende, die sowohl ein Publikum aus der ganzen Stadt ansprechen als auch die Nachbarschaft, wir haben auch eine große, offene Drogenszene mit Konsum von illegalen Drogen und Alkohol. Der Kotti ist also im besten Sinn ein urbaner Ort, an dem sehr viel zusammenkommt.
Ihr selbst lebt am Kotti und Kotti & Co hat als MieterInnen- und NachbarInnen-Initiative große Bekanntheit erlangt. Was war der Ausgangspunkt für die Proteste?
SK: Auslöser war im Jahr 2011 eine doppelte Mieterhöhung in drei Häusern des sozialen Wohnungsbaus. Bevor wir zu kämpfen angefangen haben, gab es jährliche Mieterhöhungen – immer zum 1. April – und 2011 kam noch eine Instandhaltungskostenpauschale dazu. In Summe waren das je nach Wohnungsgröße bis zu 100 Euro Mieterhöhung. Nachbarn haben angefangen, Unterschriften zu sammeln und an die VermieterInnen zu schicken. Es gab von deren Seite aber keine Reaktion. Mit diesen Mieterhöhungen war auch der Punkt erreicht, an dem viele MieterInnen vom Jobcenter Aufforderungen bekommen haben, dass sie umziehen und sich billigere Wohnungen suchen oder ihre Wohnungen untervermieten sollen, um die Kosten zu senken. Das war der Moment, wo Ulrike, Fatma und ich uns sagten, so geht das nicht – jetzt müssen wir uns mal mit den Nachbarn zusammen etwas überlegen. Damit hat alles begonnen. Der Auslöser für die Proteste war also die absurde, nicht nachhaltige, unsoziale Fördersystematik im sozialen Wohnungsbau.
Welche Auswirkungen hat der gemeinsame Protest auf die Beziehungen der Leute untereinander und die nachbarschaftlichen Beziehungen hier am Kotti?
UH: Nachbarschaft ist in einem gewissen Sinne ja etwas Zufälliges. Klar weiß man aus der Stadtforschung von Nachbarschaftspräferenzen und natürlich wird es auch auf entspannten Wohnungsmärkten vom Einkommen bestimmt. Und doch sind migrantische Nachbarschaften mit unendlich vielen unterschiedlichen politischen und religiösen Einstellungen, von alternativen und konservativen Lebensstilen und auch von unterschiedlichen Aufenthaltsstati und den damit verbundenen beschränkten Rechten auf Teilhabe geprägt.
Und so ist unsere Initiative: Wir sind eben Nachbarn, die erstmal einen Minimalkonsens finden mussten. Das erste gemeinsame Interesse war es, gegen die Mieterhöhungen zu kämpfen. Dass dahinter die ganze unsoziale Fördersystematik des sozialen Wohnungsbaus steckt, haben wir erst später festgestellt, als wir im Rahmen des Protests zu recherchieren angefangen haben. Der zweite Grundkonsens war, gegen Rassismus zu sein. Wir haben am Kotti inzwischen statistisch gesehen einen Migrationshintergrund von 80 % und sehr viele Menschen, die hier wohnen, machen jeden Tag Erfahrungen mit Rassismus. Und es gibt natürlich auch noch ein paar altdeutsche MieterInnen hier, die bei Hausversammlungen erstmal sehr gerne darüber sprechen wollten, wer z.B. den Müll nicht trennt und was das mit der Herkunft zu tun hat. Das war einer der Anlässe, weshalb wir gesagt haben, wir reden über Rassismus – und machen keine rassistischen Zuschreibungen. Das war deshalb wichtig, weil wir sehr unterschiedlich sind, was unsere politischen Zuordnungen betrifft oder welche Lebensentwürfe wir haben. Es gab auch eine gewisse Skepsis. Man wusste von einander ungefähr, wer in rechten türkischen Vereinen organisiert ist und wer aus einer eher linken Ecke kommt. Die Grundlage, sich miteinander zu organisieren, war eine Neugier aufeinander, die über solche Kategorien hinausging.
SK: In der medialen Öffentlichkeit wird viel über den Kotti geschrieben, aber der Kotti selbst, die BewohnerInnen, kommen dabei nur wenig vor. Natürlich gab es vorher schon eine Nachbarschaft, diese hatte aber kaum Repräsentation, auch weil der Kotti als Durchgangsort, als Einkaufsort, als Konsumort gesehen wird. Mit seiner räumlichen Anordnung ist er kein klassischer Kiez. Durch unseren Protest ist eine Sichtbarkeit der Nachbarschaft entstanden. Die Nachbarschaft und die Strukturen hat es vorher schon gegeben, aber erst durch den Protest haben sie ein Bild bekommen. Daran hängt auch diese erste Mitteilung, die wir gemacht haben, mit I love Kotti und der Postkarte Grüße vom Kottbusser Tor. Damit haben dann auch die Medien der Nachbarschaft ein kollektives Narrativ zurückgespiegelt, das lautet Wir sind der Kotti!. Die Initiative hat – wenn auch nicht ausschließlich – dazu beigetragen, ein nachbarschaftliches Narrativ und eine nachbarschaftliche Identität herzustellen oder zumindest zu stärken, und vor allem nach außen hin zu repräsentieren. Ich mache gerade ein Projekt mit zehnjährigen Kindern hier in der Schule und auf der Hälfte ihrer Zeichnungen zum Kotti ist das Logo von Kotti & Co, dieses I love Kotti zu finden. Das hat sich in die Identität des Ortes eingeschrieben. Man darf nicht vergessen, dass die Berichterstattung über den Kotti wegen der Drogenproblematik und der Gewalt meistens negativ ist. Und plötzlich stellen sich Leute hin und sagen: »Ja, wir wissen um die Probleme, finden da auch vieles doof, wie den Dreck und den Müll, nichtsdestotrotz haben wir hier eine Art Community und wohnen hier gerne!« Das gilt aber für ganz Kreuzberg, es gibt nicht nur eine Nachbarschaft, sondern viele kleine Submilieus, die sich verschränken und wo es dann ein paar Schnittstellen und gemeinsame Bezugspunkte gibt. Nachbarschaft ist nicht einfach, sie existiert über historisches Verständnis, aber vor allem auch über eine Praxis und auch über Repräsentationspraktiken. Das ist immer auch fließend und auch prekär.
War diese Praxis, von der ihr sprecht, immer schon vorhanden oder hat sie sich mit den gemeinsamen Protesten verstärkt?
UH: Ich glaube, es gab in vielen Milieus eine Solidarität miteinander, familiär oder in Freundeskreisen. Das war eine schon sehr lange etablierte Praxis. Dass es aber über die Milieus hinausgeht, dass man die, die eine andere Sprache sprechen, oder die, die gar keine Kinder haben, auch auf der Straße wahrnimmt und man miteinander ins Gespräch kommt, sich
im Haus austauscht oder zusammen zum Markt geht, das ist in dieser Form erst mit dem Protest gekommen.
SK: Wichtig war auch, dass wir 2012 diese Besetzung gemacht und unser Protesthäuschen, das Gecekondu, aufgebaut haben. Anfangs war das kein Haus, sondern ein offener Bretterverschlag und der steht am südlichen Kottbusser Tor, dem Eingangstor zu unserer Wohnsiedlung. Wer in die Einkaufsgeschäfte auf der Nordseite will, muss daran vorbei. Das bedeutet, alle haben das Gecekondu gesehen und mitbekommen, dass da was passiert. Die Leute sind stehengeblieben, haben einen Tee getrunken und sind ins Gespräch gekommen. Es war ein nachbarschaftliches Event, könnte man sagen, an dem die unterschiedlichen Milieus und Leute einen gemeinsamen räumlichen Bezugspunkt gefunden haben. Solche Bezugspunkte und die sich daraus entspinnenden Erzählungen stellen Nachbarschaft erst her. Und da unser Gecekondu sozusagen umsonst und draußen war, war es im Gegensatz zu anderen Orten auch offener und niedrigschwelliger.
Nachbarschaft bedeutet ja weit mehr als Wohnen. Welche Rolle spielen die Gewerbetreibenden am Kottbusser Tor für den Protest und die sozialen Beziehungen?
SK: Zum einen sind die Läden auch Orte, an denen sich Nachbarschaft herstellt. Es gibt hier z.B. einen Supermarkt, zu dem hauptsächlich die türkische Community einkaufen geht. Das ist ganz klar ein Ort, wo Nachbarschaft in einem Gewerbe hergestellt wird. So gibt es auch viele andere Läden, in denen das stattfindet. Zum anderen hätten wir das Gecekondu da nicht hinstellen können, wenn wir nicht gute Kontakte zu den Gewerbetreibenden gehabt hätten. Wir haben Spenden von ihnen erhalten – viele von den türkischen und arabischen Gewerbetreibenden wohnen ja auch hier in der Gegend. Die kennen sich alle schon seit Jahrzehnten und wenn dann einer davon mitmacht, dann spricht sich das in Windeseile herum. Wir bekommen unseren Strom beispielsweise vom Kopierladen am Platz. Mit dem Besitzer würde ich inhaltlich wahrscheinlich nie einen Nenner finden, weil er sehr konservativ ist, aber wir bekommen seit Jahren den Strom fürs Gecekondu von ihm. Er ist eben auch ein Nachbar.
UH: Eines der wichtigsten Gewerbe, das derzeit Nachbarschaft herstellt, ist das Café Südblock, ein queeres Café, ein Club und Veranstaltungsort, das fast zeitgleich mit unserem Protest entstanden ist. Die BetreiberInnen haben früher schon viel im Kiez gemacht, das SO36 und das Möbel Olfe, und entsprechend wissend sind sie in diesen Kiez gegangen. Lange vor der Eröffnung haben sie erst mal die gesamte Nachbarschaft mit Flyern eingeladen und mit Kaffee und Kuchen bewirtet, um gemeinsam nach einem Namen zu suchen. Diese Offenheit gegenüber der Nachbarschaft unabhängig von Herkunft, Bildungsstatus oder Einkommen hat bis heute gehalten, hier kommt im wahrsten Sinne des Wortes Vielfalt zusammen. Im Café Südblock sitzt ein ganzer Tisch von älteren Ladies mit Kopftuch neben queeren, gerade von der Party kommenden Leuten und sie alle frühstücken. Das ist schon etwas Besonderes, das ebenfalls durch den Protest ziemlich verstärkt worden ist. Viele eher konservative NachbarInnen, die früher homophob waren und vielleicht auch nicht in den Laden reingegangen wären, sind jetzt Stammgäste des Café Südblock, auch weil der Südblock den Protest bedingungslos unterstützt hat mit Wasser, Strom, Sonnenschirmen und vielem mehr. Das Café macht auch Hartz-4-Beratung im Laden und es gibt einen Friseur, der für wenige Euro die Haare schneidet. Das ist ganz klar an die soziale Situation in der Nachbarschaft angepasst. Inzwischen sagen viele, wenn der offen schwule Besitzer vom Südblock jetzt als Bürgermeister kandidieren würde, ich würde ihn sofort wählen. Das Café Südblock ist mittlerweile eine Institution, die sich durch die Solidarität, die der Laden ausstrahlt, stark im Kiez verankert hat und damit etwas hergestellt hat, das in anderen Kiezen nicht so selbstverständlich ist.
Wie wirkt sich der gemeinsame Protest auf die Eigenwahrnehmung und die der Beteiligten aus? Hat sich die Einschätzung über Möglichkeiten der Veränderung und über die Durchsetzung von individuellen Rechten verändert?
UH: Ich glaube, dass viele, die wirklich von Anfang an dabei waren, ein anderes Bewusstsein für die gesellschaftlichen Zusammenhänge entwickelt haben, durch die Erfahrungen in den politischen Prozessen, die viele sehr stark gemacht hat. Zum anderen hat Kotti & Co an Bedeutung für die Nachbarschaft gewonnen, wenn es darum geht, tatsächlich Rechte durchzusetzen gegenüber dem Jobcenter, gegenüber den VermieterInnen. Das hat viele, die sich vorher nicht politisch engagiert hätten, aber immer schon ein bestimmtes Bewusstsein für die Nachbarschaft und für die Community hatten, sehr selbstbewusst gemacht. Jetzt weiß man, die Stimme ist etwas wert. Das, was man zu sagen hat, auch über die eigenen Erfahrungen im Alltag, in der Schule, hat einen Wert und wird gehört. Dieses Bewusstsein für eine gesellschaftliche Handlungsmacht ist durch den Protest entstanden. Ein anderer stärkender Aspekt von Kotti & Co ist die selbstorganisierte Sozial- und Mietrechtsberatung, die ein fixer Treffpunkt geworden ist. Wir machen einmal die Woche Sozialrechtsberatung und Mietrechtsberatung mit ehrenamtlichen AnwältInnen in unserem Gecekondu. Sich auch um andere kümmern zu können, schafft einen Wert und ist eine Tätigkeit, die Selbstbewusstsein geschaffen hat.
SK: Der Kiez hier am südlichen Kottbusser Tor wird ja von Leuten geprägt, die strukturell marginalisiert sind, wie das hochdeutsch heißt. Die Menschen hier werden eigentlich nicht wahrgenommen, denen hört keiner zu, die haben keine Stimme und verhältnismäßig wenige Rechte, also beispielsweise oftmals kein Wahlrecht. Und auf einmal gibt es so einen Protest und plötzlich interessiert sich die Presse für die Lebensbiografien der Leute. Das ist eine Anerkennung der eigenen Leistung – dass sie u.a. als Malocher hier hergekommen sind, um dieses Land nach dem Krieg wieder aufzubauen. Das macht stolz, dass man plötzlich z.B. über Zeitungsartikel gesellschaftlich sichtbar wird. Diese Ermächtigung, dass es endlich eine Vorstellung von gesellschaftlicher Teilhabe gibt, geht weit über Nachbarschaft hinaus. Dieses Gemeinsam-mit-anderen-Probleme-zu-diskutieren, Rechte zu artikulieren und einzufordern, und damit in den Prozess gesellschaftlicher Teilhabe einzutreten, war vorher bei vielen nicht existent, würde ich behaupten. Viele Nachbarn sind zum ersten Mal überhaupt auf eine Demonstration gegangen, haben sich getraut was zu sagen, sich gemeinsam gegen VermieterInnen zu wehren. Die Repräsentation und das Interesse der Öffentlichkeit, die hier viele durch den Protest erfahren haben, hat die Subjektpositionen dahingehend verschoben, dass viele sich heute stärker als ein Teil dieser Gesellschaft sehen.
Die Sehnsucht nach Nachbarschaft scheint in den Städten grundsätzlich eine Renaissance zu feiern, was im Gegensatz zur Idee der anonymen Stadt als Befreiungsversprechen aus sozialen oder kulturellen Zwängen steht. Inwiefern hängt diese Entwicklung mit der Krise der Stadt zusammen?
UH: Mein Eindruck ist, dass Nachbarschaft entsteht, wenn es Gründe gibt, in diesem lokalen Rahmen zusammenzukommen. Aktuell sind das in den (Groß)Städten in Deutschland die Proteste um die Mieten, um Vertreibung, Verdrängung. Wir hier erleben stark, dass alle wieder von Nachbarschaft sprechen, weil sie eben bedroht ist. Es herrscht das Gefühl, bis hierhin konnte ich anonym gut leben, konnte mein Ding machen, aber in dem Moment, wo das bedroht ist, wo ein Laden nach dem anderen zumacht, die Gewerbe, das Lieblings-Café, der Bäcker, der Gemüseladen, fängt die Nachbarschaft an, sich zusammenzufinden: Über die Wahrnehmung, welcher Verlust gerade stattfindet, den Austausch darüber, aber auch die Freude, über das, was da zusammenkommt an Wissen und Ideen und über die vielfältigen Protestformen, die daraus entstehen. Eine andere Form, in der Nachbarschaft neu zusammenkommt, ist über die ankommenden Geflüchteten und über deren Unterkünfte, die in Wohngebieten entstehen. Hier schließt sich die Nachbarschaft zusammen und engagiert sich entweder dagegen oder dafür. Es gibt natürlich die Nachbarschaften, die sich dann eher rechts und gegen Geflüchtete artikulieren. In meinen Forschungen habe ich aber erlebt, dass es fast überall einen Teil der Nachbarschaft gibt, der sich gegen diesen Rechtsruck, gegen diese Abwehr und Feindschaft, gegen diesen Rassismus und für Geflüchtete engagiert.
SK: Aufgrund der ausdifferenzierten Wirklichkeiten, aufgrund der Globalisierung und der Unübersichtlichkeit, der Transformation des Arbeitsmarktes und der Flexibilisierung gibt es anscheinend eine Sehnsucht zum Dörflichen, zum Nachbarschaftlichen. Wenn man sich heute die Text- und Bildpolitiken vieler solcher Nachbarschaftsinitiativen und -projekte anschaut, geht’s da oft um eine Art von alternativer, demokratischer Kuscheligkeit. Mir geht das ein bisschen auf die Nerven, weil ich das Gefühl habe, dass dort eben wieder ein spezifisches Milieu bedient, ein Bild wie Leben und Alltagspraxis im öffentlichen, nachbarschaftlichen Raum auszusehen haben, entworfen wird, das im Gegensatz zu Praxen steht, die eben nicht artikuliert und repräsentiert sind.
Die Frage für mich lautet daher immer: Wo sind die, die nicht repräsentiert sind? Sind die nicht Teil der Nachbarschaft? Für mich sind z.B. auch die Junkies Teil meiner Nachbarschaft und ich finde es wichtig, diese Perspektive auch mit einzunehmen, weil die Distinktion über Sprache und Bildpolitiken auch reale Ausschlüsse produziert und in Folge bestimmt, wer teilhaben kann und wer nicht. Wenn es also aktuell eine Konjunktur der Nachbarschaft in der Stadtentwicklung gibt, sollte man umso mehr darauf achten, dass es nicht wieder so ein Green Economy/Recycling-Mittelschichtsprojekt wird. Für mich stellt sich hier auch die Frage, welche Klasse gemeint ist, wenn über Nachbarschaft gesprochen wird und welche Praxen genehm sind und welche nicht.
Im Forschungsprojekt Nachbarschaften des Willkommens geht es auch darum, Faktoren und Bedingungen zu benennen, die eine Bildung von Nachbarschaftsstrukturen unterstützen. Gibt es da schon Erkenntnisse?
UH: Wir sind gerade dabei, das herauszufinden. Wir wollen uns anschauen, welche Formen sich miteinander ins Verhältnis zu setzen es gibt, obwohl man vielleicht keine kulturellen Praxen teilt. Wie eine Konvivialität, eine Kultur des Miteinander-Seins und Sich-Miteinander-Auseinandersetzens entsteht, auch über eine Prägung hinaus. Das auch vor dem Hintergrund Konflikte auszutragen. Konflikte sind ja nicht unbedingt etwas Negatives, sondern auch etwas worüber eine Nachbarschaft zusammenwächst bzw. auch Erfahrungen des Auseinandersetzens macht. Kotti & Co ist vielleicht prototypisch für so eine superdiverse Nachbarschaft, mit übergroßer Vielfalt. Früher gab es ja die Thesen, dass der soziale Zusammenhalt mit zunehmendem Migrationsanteil verloren geht, und das Kotti ist ein Beispiel für das Gegenteil. Dass gerade in dieser Unterschiedlichkeit etwas entsteht, das zukunftsweisend sein kann für die Gesellschaft von morgen, die durch Heterogenität geprägt ist.
Kann Architektur eine Rolle spielen? Welche Räume braucht Nachbarschaft?
UH: Ich glaube Konvivialität ist etwas, das zufällig entsteht, das nicht intendiert ist, das sind die kulturellen Praxen des Miteinanders, der Auseinandersetzung, die nicht geplant wurden von Raum-, Integrations- oder Multikultiprogrammen. Sondern eher das, was von unten entsteht aus den Alltagspraxen heraus. Ich finde aber schon, dass es darüber hinaus auch Räume geben muss, in denen sich Menschen begegnen können. Am Kotti ist das Gecekondu so ein Raum oder das Cafe Südblock. Ohne solche Räume gibt es die Möglichkeiten sich auszutauschen nicht.
SK: Aus unserer Perspektive reicht Planung alleine nicht aus. Es braucht Bezugspunkte, ein Narrativ und das muss einen Raum finden, wo es sich verdichtet und erlebbar wird. Das Gecekondu am Kotti kann man betreten und dann ist man im weiteren Sinn Teil dieser Geschichte. Man kann aber auch als Junkie an der informellen Ecke beim Kiosk an der Nordseite seinesgleichen finden und eine Art Familie haben. Das findet da ja auch statt, ist aber nicht geplant worden.
Im neuen Munizipalismus spielen die Barrios, also die Nachbarschaften als Orte für eine radikale Demokratisierung der Gesellschaft, eine wichtige Rolle. Wie schätzt ihr die Rolle des Lokalen für die Neuerfindung der Demokratie ein?
UH: Diese Repolitisierung der Gesellschaft, das Sich-Wieder-Einmischen, Teilhaben, Sich-Zusammenschließen und Gemeinsam-Artikulieren, hat aus unserer Sicht ganz stark mit dem Lokalen, mit der lokalen Erfahrung zu tun hat. Wenn wir uns die Entwicklung seit 2015 anschauen, also seit dem Sommer der Migration, dann gab es da unglaublich viele Leute, die sich in Initiativen auf Nachbarschaftsebene getroffen haben, um Geflüchtete zu unterstützen und Strukturen aufzubauen. Die haben lange nicht gesprochen und lange nichts zum aktuellen Rechtsruck gesagt. Das ändert sich gerade. Viele von diesen Willkommens-Initiativen fangen an, sich in Dachverbänden zusammen zu schließen, um zur Politik Stellung zu nehmen und zum Rechtsruck.
In den städtischen Bewegungen und Nachbarschaftsinitiativen ist schon länger zu beobachten, dass sich Menschen erst mal über die konkrete Frage von Verdrängung und steigenden Mieten zusammenschließen, aber auch darüber hinaus anfangen sich zu artikulieren. Das sind kleine politische Fragen, könnte man sagen. Was wir am Kotti immer herauszuhalten versuchen, ist die Türkeipolitik, die unsere Gruppe eher spalten würde, weil Leute unterschiedlich auf das gucken, was Erdogan in der Türkei macht. Eine munizipalistische Bewegung hat eine Chance, sich die konkrete, lokale Stadtpolitik anzuschauen und Wissen zu erlangen über die politischen Prozesse, die hier stattfinden. Jeder hier am Kotti weiß inzwischen, wer gerade regiert, was sie vorher gemacht haben, wer im vergangenen Jahrzehnt unsere Wohnungen bzw. die größte städtische Wohnungsbaugesellschaft verkauft hat, nämlich die Linkspartei und die Sozialdemokraten. Gleichzeitig weiß man auch, was die beiden Parteien in den letzten Jahren für die Mietenpolitik gemacht haben. Da wird genau hingeguckt und ich glaube, dieses Interesse von einer subalternen oder ehemals subalternen Nachbarschaft hat für viele die Frage stärker in den Fokus gerückt, was in der Stadtpolitik eigentlich passiert.
SK: Wir sind Kotti & Co, Wir sind Kreuzberg, das sind Behauptungen, die sagen, es gibt ein Wir das größer ist als das, was uns jeweils trennt, wie beispielsweise die Türkeipolitik. Eines der Nachbarschaftsprojekte, an dem ich gerade arbeite, heißt daher auch: Wir sind der Kotti. Unsere Arbeit richtet sich gegen eine Segregation, gegen ein Auseinanderdriften der Gesellschaft. Dieses Wir schafft erst einmal eine Grundlage, um überhaupt ein demokratisches Gestaltungsbegehren zu entwickeln. Erst wenn man sagt, wir sind eine Interessensgruppe, kann man den größeren Radius spinnen: von der Nachbarschaft auf das Gesamtgesellschaftliche. Das Recht auf Stadt ist eben auch immer ein Ringen um gesellschaftliche Teilhabe. Insofern ja, in dieser Nachbarschaft haben viele gelernt: »Wir haben eine Stimme und wir können uns mit anderen zusammentun« – auch wenn man nicht immer gleicher Meinung ist. Und das ist im engsten Sinne Basisarbeit an der Demokratie.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ausführliche Informationen über Kotti & Co sowie die stadtpolitischen Interventionen und Aktivitäten der Mietergemeinschaft gibt es auf der Website kottiundco.net und in dem von Kotti & Co herausgegebenen und 2015 bei Spector Books erschienenen Buch und deswegen sind wir hier. Als zweite Ausgabe der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt haben Ulrike Hamann und Sandy Kaltenborn gemeinsam mit Andrej Holm ein Heft mit dem Titel Die Legende vom Sozialen Wohnungsbau* veröffentlicht.
Ulrike Hamann hat in Frankfurt/Main in Politikwissenschaft/Postkoloniale Studien promoviert und arbeitet derzeit am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt Universität zu Berlin, u.a. im Forschungsprojekt Nachbarschaften des Willkommens – Bedingungen für sozialen Zusammenhalt in super-diversen Quartieren (NaWill). Sie ist Teil der MieterInnen-Initiative Kotti & Co.
Sandy Kaltenborn ist Kommunikationsdesigner und betreibt seit 1999 das Büro für Gestaltung / image-shift.net in Berlin Kreuzberg. Er ist Mitbegründer der Mietergemeinschaft Kotti & Co und im Vorstand des Vereins Kotti-Coop e.V.
Kotti & Co, Mietenvolksentscheid, Initiative „Deutsche Wohnen Enteignen“, Humboldt-Universität, Berlin
Sandy Kaltenborn
Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.
Elke Rauth ist Obfrau von dérive - Verein für Stadtforschung und Leiterin von urbanize! Int. Festival für urbane Erkundungen.